Impressionen von der Winter School „Solidarische Ökonomie“ in Villach

Über 40 Teilnehmer*innen diskutierten vergangenes Wochenende unterschiedliche Auffassungen, Zugänge und Wege zu einer Solidarischen Ökonomie. Organisiert wurde die Winter School von der krisu, der Kulturinitiative Kärnöl und der OIE Kärnten. Das Feedback der Teilnehmer*innen war durchwegs positiv. Eine gute Arbeitsatmosphäre, leckeres Essen und ein freundlicher Umgang miteinander prägten das Wochenende. Es bleibt zu hoffen, dass die spürbare Motivation und das erlangte Wissen in die eigenen Zusammenhänge transportiert werden können.

Eröffnet wurde die Runde von Brigitte, die mit ihrem Vortrag Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Solidarischer Ökonomie und der Commons-Debatte darstellte. Dabei kritisierte sie den Begriff Gemeingüter, der als Übersetzung von Commons Einzug in die deutschsprachige Debatte gehalten hat,  als verkürzt. Commons beziehe sich nicht alleine auf materielle Güter, sondern umfasse mehrere Dimensionen, in denen Güter oder Ressourcen nur einen Teil bilden. Vielmehr bedeute Commons eine spezifische Art der Beziehung zwischen Menschen und den Dingen, die für ihre Existenz notwendig sind.  In der Diskussion wurde deutlich, dass die Begriffsinhalte von Solidarischer Ökonomie und Commons viele Übereinstimmungen haben. Durch die unterschiedlichen Blickwinkel ergeben sich hilfreiche Ergänzungen auf Fragen, die sich in beiden Bewegungen auftun. Weiterführende Informationen zu Commons sind auf der Website www.commons.at zu finden.

Der darauf folgende Beitrag von Jule,  Christoph und Thorsten aus der Kritischen Uni Kassel (KUK) reflektierte die Erfahrungen aus dem selbstorganisierten Projektseminar zum Thema „Dezentraler und Demokratischer Energieversorgung“. Der praktische Ansatz einer Solidarischen Ökonomie umfasste hierbei zwei unterschiedliche Bereiche. Zum einen ging es um die Möglichkeiten, Potenziale und Schwierigkeiten eines genossenschaftlich organisierten Wirtschaftens im Bereich der Energieversorgung. Zum Anderen wurde die Aufgabe einer solidarischen, transdisziplinen Bildung und Wissenschaft aufgezeigt. Eine solche betone vor allem einen gleichberechtigten Wissensaustausch und Lernprozess für alle Beteiligten – Studierende und Lehrende gleichermaßen wie auch die Teilnehmer*innen des begleiteten Projekts, anstelle des Anspruchs auf Objektivität und Sammlung von quantifizierbaren Daten. Der Seminarbericht wird in Kürze auf der Website der KUK veröffentlicht. Eine Frage gilt es noch zu bearbeiten: in welchem Rahmen eine solche emanzipatorische Bildung und Wissenschaft – die sich nicht den herrschenden Verwertungslogiken unterwirft – verwirklicht werden kann.

Abgeschlossen wurde der erste Veranstaltungstag mit der Vorführung des Films „Zeitgeist – Moving forward“. Dieser sorgte für viel Diskussionsbedarf, der leider auf Grund mangelnder Zeit nicht in der Gruppe gestillt werden konnte.

Am Samstag morgen eröffnete Florian mit der Präsentation des Online-Kartierungsprojekts „Vivir Bien“ die Runde. Mit diesem Tool können  Ressourcen einer solidarischen Ökonomie non-hierarchisch erfasst werden. „Vivir Bien“ erfasst Initiativen und Strukturen, die abseits kapitalistischer Gewinnlogik existieren. Aktivitäten mit verschiedenen theoretischen Hintergründen und Labels bekommen hier eine Plattform. Die partizipative Methode der Erfassung von Projekten und Ressourcen wird der solidarischen Ökonomie gerecht. Der Aktivist drückte seine Hoffnung aus, dass die Informationstechnik durch solche Projekte als ein Werkzeug hin zu einer hierarchiefreien, solidarischen Gesellschafts dienen kann. In der aktiven Diskussion wurden neue Möglichkeiten dieser Open-Source-Plattform besprochen. Wer selbst Ressourcen auf „Vivir Bien“ mappen möchte, kann per Mail Kontakt zum Projekt aufnehmen, und so einen Zugang für die Bearbeitungsberechtigung erhalten.

Nach dem Mittagessen referierte Reinhard und Helena über  Solidarische Ökonomie im Raum Mödling und deren Bewertungsmöglichkeiten. Sabrina stellte anschließend das Konzept von „Social Entrepreneurship“ vor und riss damit eine seit Beginn schwehlenden Kontroverse unter den Teilnehmer*innen auf. Krititsiert wurde vor allem der moralisierender Zugang von „Social Entrepreneurship“, welcher die strukturellen Auswirkungen ökonomischer Verhältnisse verkennt und somit nicht den Ursprung sozialer Ungerechtigkeit antastet. Der Ansatz der solidarischen Ökonomie hingegen zielt auf darauf ab Handlungen, Denkweisen und Strukturen zu verändern und somit die Ursprünge sozialer Ungerechtigkeit zu bekämpfen. Im Fokus steht nicht das“ positive Denken“ sondern die Ermöglichung solidarischer sozialer Beziehungen.

Der letzte Beitrag von Andreas befasste sich mit dem Verständnis von Solidarischer Ökonomie als Prozess einer Demonetariserung. Dabei gehe es um Bedarf anstatt Profit Kooperation anstatt von Konkurenz und Kommunikation anstatt Markt und Geld. Anhand von Beispielprojekten wie CSAs (Community supported agriculture), Kost-Nix-Läden oder des Mietshäusersyndikatsmodells wurde die Theorie veranschaulicht. Weitere Informationen finden sich auf www.demonetize.it und auf der Webseite des Social Innovation Network.

Deutlich wurde in den Debatten, dass es verschiedene Auffassungen über Wege hin zu einer solidarischen herrschaftsfreien Gesellschaft gibt. Ein Fazit einer Teilnehmerin beschreibt dies treffend mit: „We agree that we do not agree.“ Trotz der Differenzen wurden verschiedene Praxisansätze weiterentwickelt, Verbindungen zwischen Teilnehmer*innen geknüpft und viel Motivation geschaffen. Aktivist*innen aus dem Umfeld der krisu und der KUK sprachen auch über eine verstärkten Kooperation und der Frage nach einer Solidarischen Ökonomie der Universität(en).

(von Christoph und Thorsten)

3 Gedanken zu „Impressionen von der Winter School „Solidarische Ökonomie“ in Villach

  1. Danke für den Bericht, ihr wart ja super-schnell! Fein, dass ihr da wart und unsere österreichische Winter School bereichert habt.

    Ich wollte nur eine Kleinigkeit richtigstellen: der Begriff Gemeingüter wird in der Commonsdiskussion in Deutschland genau so definiert, wie ich Commons definiert habe, also, als ein soziales Arrangement darüber, wie Ressourcen behandelt werden sollen. Aber für Leute, die diese Diskussion nicht kennen, entsteht halt leicht der Eindruck, es handle sich um Güter. Es geht also weniger darum, dass er verkürzt diskutiert würde, sondern dass er missverständlich ist, weshalb ich lieber den Begriff Commons verwende.

  2. Liebe Leute,
    danke für den langen Bericht. Ich möchtean dieser STelle nochmals das Thema Social Entrepreneurship aufgreifen, das meiner Wahrnehmung nach sehr stark pauschal verurteilt wurde.

    Zitat: „Krititsiert wurde vor allem der moralisierender Zugang von “Social Entrepreneurship”, welcher die strukturellen Auswirkungen ökonomischer Verhältnisse verkennt und somit nicht den Ursprung sozialer Ungerechtigkeit antastet.
    Michael: Da schließe ich mich euch an, direkt ändert SE nichts an den Strukturen.

    Zitat: Der Ansatz der solidarischen Ökonomie hingegen zielt auf darauf ab Handlungen, Denkweisen und Strukturen zu verändern und somit die Ursprünge sozialer Ungerechtigkeit zu bekämpfen. Im Fokus steht nicht das” positive Denken” sondern die Ermöglichung solidarischer sozialer Beziehungen.“
    Michael: Das wollen wir ja „alle“. Ich möchte in diesem Zusammenhang doch nochmals darauf hinweisen, dass ein geändertes Verhalten im Inneren der Menschen seinen Ursprung hat. Man muss Menschen da abholen wo sie sind. Man muss die Menschen schrittweise auf etwas hin führen. In diesem Zusammenhang hat SE seine Berechtigung.

    Ich möchte dafür plädieren, dass es unterschiedliche Ebenen gibt auf denen man arbeiten kann. Ich möchte auch dafür plädieren Berufsgruppen nicht pauschal über einen Kamm zu scheren. Schlussendlich müssen wir im hier und jetzt beginnen und Menschen auf die eine oder andere Weise für Themen der Soldiarität sensibilisieren.

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