Statement zu den sexistischen und rassistischen Äußerungen Ulrich Kutscheras

Am 11. Juli 2015 gab der an der Universität Kassel beschäftigte Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera dem Rundfunk Berlin-Brandenburg ein Radio-Interview, in dem er die Geschlechterforschung massiv diskreditierte, sozial-konstruktivistischer und kritischer Sozialwissenschaft die (wissenschaftliche) Legitimität absprach sowie in diesen Arbeitsbereichen arbeitende Wissenschaftlerinnen beleidigte. Kutschera bezeichnete im Interview die Gender Studies als „Krebsgeschwür“ und diffamierte darüber hinaus wissenschaftlich tätige Frauen als „hochqualifizierte Möchtegern-Alphaweibchen“, die ihren reproduktiven Aufgaben nicht nachkämen.

Eine sozialwissenschaftliche Analyse der Arbeitsbedingungen im akademischen Bereich, die sich u.a. durch finanzielle und berufsperspektivische Unsicherheiten bei hoher Arbeitsbelastung auszeichnen, hätte hier ein anderes Bild ergeben. In einem Beitrag auf den Seiten der rechten Propaganda-Plattform „Deutscher Arbeitgeber Verband e.V.“ (nicht zu verwechseln mit der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände) schob er am 26. Oktober 2015 nach und bezeichnete „Gender als geistige Vergewaltigung des Menschen“. Zudem verwies er auf die aktuell nach Europa flüchtenden Menschen als eine Masseneinwanderung – er zitiert eine amerikanische Journalistin mit dem Begriff der „Invasion“ – von muslimischen Kämpfern.

Im Lichte dieser Äußerungen ist das, was als mangelnder Respekt gegenüber anderen wissenschaftlichen Disziplinen an U. Kutscheras Einlassungen gemeinhin bemängelt wird, noch das kleinste Übel. Seine Äußerungen sind mehr als nur ein Symptom eines sich allgemein verschärfenden Tonfalls in den Anfeindungen gegenüber kritischen Gesellschaftswissenschaften. In seinen Ausfällen brechen sich vielmehr politische Ressentiments Bahn, die der in den letzten Monaten vielfach beschworenen offenen Gesellschaft, die für Chancengleichheit und die Ermöglichung einer Vielfalt von Lebensentwürfen steht, einen Riegel vorzuschieben versuchen. Als Mitarbeiter*innen der in einer gesellschaftskritischen Tradition stehenden Universität Kassel und verbundenen Kolleg*innen, die an anderen Hochschulen und/oder freiberuflich forschen und lehren, treten wir solchen als Wissenschaft getarnten Brandreden entschieden entgegen, insbesondere wenn sie von einem an derselben Institution beschäftigten Professor kommen. U. Kutscheras Äußerungen sind nicht nur schlechter Stil und im Übrigen auch naturwissenschaftlich im besten Falle fragwürdig, sondern unseriös und politisch reaktionär, weil sie demokratische Verfasstheiten wie Freiheit, Gleichheit oder das Recht auf Asyl unterwandern.

Was U. Kutschera dabei als biologische Fakten ausgibt, kann kaum als unumstößliche Wahrheit gelten. Vielmehr stellen diese vermeintlichen Tatsachen selbst Glaubensbekenntnisse eines positivistisch und naturalistisch verkürzten Wissenschaftsverständnisses dar („Naturwissenschaftler erforschen reale Dinge, die wirklich existieren“, Interview beim rbb am 11.07.2015), während andere Wege des Erkenntnisgewinns und der reflexive Umgang mit Erkenntnisgegenständen disqualifiziert werden. Solche Argumentation bleibt damit stets Ideologie, die zwar zum Schulterschluss innerhalb der eigenen politischen Reihen animiert, aber wissenschaftliche Ausgewogenheit verhindert. Stattdessen präsentiert sie unzulässige Verallgemeinerungen und irrationale Ängste als unhinterfragbare Wahrheiten. In seinem in Kürze erscheinenden Buch „Das Gender-Paradoxon“ baut er etwa den Moneyismus als Irrlehre der Gender Studies auf, obwohl die Erkenntnisse und Herangehensweisen des medizinischen Psychologen John Money in den Gender Studies höchst umstritten sind und eher randständige Bedeutung haben. Scheinbare Gesetzmäßigkeiten wie die Reduktion von Gesellschaft auf biologisch determiniertes Instinktverhalten werden dabei eingeführt, um jede ergebnisoffene Diskussion von vornherein zu unterbinden. Die Komplexität des Realen auf Dualismen von Weiß und Schwarz, Mann und Frau, Kultur und Natur, „Ureinwohner“ und „Eindringling“ zu reduzieren und das Vorhandensein von Zwischentönen oder das Hinterfragen dieser Ordnungskategorien strikt zu verneinen, kann weder die Wirklichkeit (auch nicht die biologische) angemessen beschreiben noch zu konstruktiven Beiträgen in wissenschaftlichen Fragen oder gesellschaftlichen Debatten führen. Demselben Ziel dient die Annahme einer Verschwörung von Frauen – die dort tätigen Männer oder andere Geschlechter werden ignoriert – in Politik und Wissenschaft. Wer Geschlechterforschung als Ideologie verleumdet, will seine Zuhörer*innen und Leser*innen von der Überflüssigkeit wissenschaftlicher Kontroversen überzeugen. Ermöglicht werden die dualistischen Scheinargumente durch eine unsaubere Analyse: Es werden gezielt Dinge vermischt, die nicht zusammengehören, etwa in der Gleichsetzung des politischen Anliegens des Gender-Mainstreaming und der wissenschaftlichen Disziplin der Geschlechterforschung zu einem politisch-wissenschaftlichen Verschwörungskomplex („Und jetzt muss ich halt leider feststellen, dass eine andere quasi-religiöse Strömung […] unter dem Schlagwort oder Deckmantel, unter der Tarnkappe des Gender-Mainstreaming Fuß fasst und immer mehr – gleich einem Krebsgeschwür – auch Fachgebiete erobern möchte. Wir stehen kurz vor einer Genderisierung der Biologie.“, Interview beim rbb am 11.07.2015). Zahlreiche Sozial- und Geisteswissenschaftler*innen haben sich vielfach mit solchen Sprach- und Denkmustern auseinandergesetzt, die zunächst als verbale Ausgrenzungen begonnen haben und allzu häufig in physischer Gewalt mündeten. Der Weg von verbaler Herabsetzung und Bevormundung zur Verweigerung von gleichen Rechten ist historisch meist ein sehr kurzer gewesen. Eine wissenschaftliche oder gesellschaftliche Diskussion wird hier nicht angestoßen, sondern abgewürgt.

Nicht zuletzt aus diesem Grund halten wir einen interdisziplinären Dialog zum Austausch von Gedanken und Erkenntnissen aus verschiedenen Wissenschaftsbereichen für dringend notwendig, ganz zu schweigen von der damit verbundenen intellektuellen Bereicherung. Aus demselben Grund möchten wir aber ebenso deutlich vor einem Denken und einer Sprache warnen, die weder Raum für Diskussion noch Platz für Vielfalt bieten, die ein Innen und Außen in unserer Gesellschaft konstruieren und die Meinungsunterschiede nicht als Anregung zum Austausch betrachten, sondern die Stigmatisierung ihrer Vertreter*innen betreiben. Wir wehren uns entschieden gegen jedwede sexistische Herabsetzung sowie Instrumentalisierung menschlicher Tragödien und menschenverachtende, verkürzende Panikmache, wie U. Kutschera sie vornimmt, und sprechen dementgegen all unseren Kolleg*innen in der Geschlechterforschung und den von U. Kutschera diffamierten, aus Kriegs- und Krisengebieten flüchtenden Menschen unsere Solidarität aus.

Aino Korvensyrjä, Alexander Jöchl, Alexandra Hertwig, Alex Hiller, André Krebber, Andreas Eis, Andreas Hübner, Anil Shah, Anja Gregor (FSU Jena), Anna-Lea Göhl, Anna-Maria Meuth (Universität Münster), Anne Engelhardt, Anne Erichsen, Anne Foerster, Annika Sominka, Aram Ziai, Ayşe Güleç, Barbara Büttner, Barbara Grubner, Beatrice Müller, Bernd Overwien, Bini Adamczak, Birgit Felmeden, Carla Greving, Carmen Mörsch, Choni Flöther, Christa Binswanger, Christa Wichterich, Christiane Rittgerott, Christian Schmidt (PUM), Christian Thein (Universität Mainz), Christine Löw, Christine Mayer, Claudius Torp, Cornelia Schu, Dana Dülcke, Daniela Hammer-Tugendhat, Daniela Krollpfeiffer, Daniel Bendix, Denise Bergold-Caldwell, Dimitri Mader (FSU Jena), Dirk Hülst (Universität Marburg), Dirk Martin, Eckhard Geitz, Elisabeth Bracker, Eric Otieno, Ester Höhle, Fabian Bärig (Hamburg), Fabian Pittroff, Felix Kellerer, Felix Nickel, Floris Biskamp, Franziska Müller, Frauke Mutschall, Frederik Metje, Gerrit Retterath, Gesa Hilgert, Gesine Bade, Gundula Ludwig, Hannah Grün, Hannelore Faulstich-Wieland (Universität Hamburg), Hans Berner, Helen Schwenken, Helene Decke-Cornill, Hendrik Dorgathen, Herbert Posch, Hildegard Scheu, Ina Pallinger (PUM), Ingrid Lohmann, Isabell Lorey, Jakob Krameritsch, Jasmin Daam, Jasmin Dittmar, Johanna Hess, Johanna Schaffer, Johannes Stolz, Jonathan Kropf, Joscha Wullweber, Josephine Brämer, Julia Hauser, Juliane Demuth, Karin Hostettler, Katharina Benderoth, Katharina Fritsche (Universität Lüneburg), Katharina Terörde, Kathrin Ziepprecht, Kerstin Droß-Krüpe, Lars Gertenbach, Lena Thiel, Lisa Carstensen (Universität Osnabrück), Lisa-Marie Heimeshoff, Liza Mattutat, Lukas Ruben Eickholl (autonomes schwul trans* queer Referat Kassel), Magdalena Apel, Maike Bunt, Manuela Westphal, Mareike Bernien, Mareike Böth, Mareike Pfläging, Maren Kirchhoff, Maria Backhouse (FSU Jena), Marianne Brenner, Marianne Pieper (Universität Hamburg), Maria Rupp-Sporrer (Marburg), Marie Schomerus, Marion Näser-Lather, Markus Uhlmann, Mart Busche, Matthias Brunmair, Mechthild Bereswill, Michael Schürmann, Miriam Schanze, Miriam Trzeciak, Nina Lawrenz (FU Berlin), Nina Schumacher, Nina Schuster, Norma Tiedemann, Oliver Emde, Petra Carina Tebaartz, Pinar Tuzcu, Rebekka Thissen, Philip Fehling, Philipp Ratfisch (Universität Osnabrück), Renate Pletl, Ruth Noack, Samia Dinkelaker (FU Berlin), Sara Al-Sayed, Sarah Oberkrome, Sarah Stein, Sascha Willenbacher, Sigrid Schade, Silke Hackenesch, Silke van Dyk, Simone Claar, Simone Mazari (Frankfurt a.M.), Sören Krach, Sophie Hinger (Universität Osnabrück), Sophie Maria Ruby (FSU Jena), Sophie Vögele, Stefanie Dick, Stefanie Dorer, Stefanie Woock, Stefan Laser, Stefan Peters, Steffen Liebig (FSU Jena), Stephanie Dziuba-Kaiser (Universität Münster), Susanne Düring, Susanne Lummerding, Sven Platzek, Tanja Schuck (Universität Frankfurt), Tina Paschedag, Tina Spies (Universität Potsdam), Tine Haubner, Tobias Lühe, Tom Holert, Ulrike Roth (Universität Münster), Ulrike Wagner-Rau (Universität Marburg), Veit Schwab (University of Warwick, UK), Vera Wolf, Vera Zimmermann, Verband feministischer Wissenschafteri*nnen in Österreich, Veronika Warkentin, Yaatsil Guevara Gonzalez (Universität Bielefeld), Yvonne Albrecht.

Weitere Unterzeichnende:

Jannis Eicker, Sebastian Bauer u. Anastastia Blüm u. Rebecca Kleemann (Autonomes Referat für Eltern des AStA der Universität Mainz), Sven Schlicht, Tobias Cepok (GEW Hessen), Lina Eckhardt, Mark Schrödter, Kathleen Pöge (Universität Kassel), Susanne Richter (Universität Bielefeld), Ella von der Haide, Soumya Belabed, Gabriele Jähnert (Humboldt-Universität Berlin), Carolin Wiedemann, Anika Apfel (autonomes Referat für Frauen*- und Geschlechterpolitik Universität Kassel), Björn Klein, Felix Korbinian Schmidtner (Universität Wien), Desiree Seifried (Uni Kassel), Björn Milbradt, Autonomes Feministisches Referat AStA der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, Autonomes FrauenLesbenReferat AStA Universität Marburg, Barbara Schäuble (ASH Berlin), Frauen&Schule Hessen e.V., Simon Affolter (Universität Bern), Silja Klepp, Olaf Tietje, Sascha Apazeller (Universität Kassel, Nanostrukturwissenschaften), Iris Welker-Sturm, Ella Ziegler

 

Kontakt für weitere Unterschriften:  kuk[at]riseup[dot]net

3 Gedanken zu „Statement zu den sexistischen und rassistischen Äußerungen Ulrich Kutscheras

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  3. Ein solches von einer (scheinbaren) akademischen Autoritätsperson gezeichnetes Frauenbild – und damit auch Menschenbild – ist vor dem aktuellen Hintergrund der gesellschaftlichen Realität schon derart überzeichnet, dass es fast wie Satire anmuten könnte – wäre es nicht leider eine traurige Tatsache, dass ein Lehrender der Universität Kassel, die sich u. A. durch Genderforschung profiliert, diese abstruse Weltanschauung öffentlich verbreiten darf. – Herr Kutschera wäre vielleicht ein geeigneter Stammtischpartner von Frau Storch und Herrn Sarrazin, aber aus wissenschaftlicher, frauenpolitischer und menschenrechtlicher Perspektive ist er eine kaum zu ertragende Zumutung.

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