Vortrag: „Lokomotiven und Panzer, Henschel und Kassel – Entwicklung und Bedeutung eines Kasseler Industrieunternehmens“

Seit die antimilitaristische Initiative an der Uni Kassel im Jahr 2008 das Thema „Rüstung in Kassel“ wieder auf den Tisch brachte und eine öffentliche Debatte um die Verantwortung der Wissenschaft gegenüber der Gesellschaft anfachte ist viel passiert. Antimilitaristischer Aktionen konnten im letzten Jahr einige Erfolge erzielen, die es auch bundesweit in die Medien gebracht haben. Aber auch die inhaltliche Auseinandersetzung soll nicht zu kurz kommen. Daher laden wir ein zum Vortrag „Lokomotiven und Panzer, Henschel und Kassel – Entwicklung und Bedeutung eines Kasseler Industrieunternehmens“ am 18.01.2010.

Ältestes Rüstungsunternehmen deutschlands

Die Rüstungsindustrie war und ist einer der bedeutentsten Wirtschaftszweige in Kassel. Der Campus Holländischer Platz der Universität Kassel hat dabei eine besondere Bedeutung. Hier produzierte die Firma Henschel (heute Thyssen-Henschel), das älteste Rüstungsunternehmen in Deutschland. Der Schwerpunkt des Vortrags wird auf der Rolle von Henschel & Sohn im Nationalsozialismus liegen. Das Unternehmen profitierte unmittelbar von der Politik der Aufrüstung der NS-Regierung.  Sofort nach der Machtübernahme des NS-Regimes erhielt Henschel Großaufträge für Militärlastwagen. In den nächsten zehn Jahren nahm die Produktion für die Wehrmacht etwa 80 bis 90 Prozent der Fertigungskapazitäten für Lastwagen in Anspruch. Auch die Entwicklungsarbeiten für Panzer waren 1933 so weit fortgeschritten, daß Henschel bereits im Dezember die ersten Prototypen liefern konnte und im nächsten Jahr mit der
Serienproduktion begann. Von allen Panzern, die die Wehrmacht bei Kriegsbeginn besaß, hatte Henschel mehr als die Hälfte geliefert. Die Produktion von Panzern („Tiger“ und „Königstiger“) wurde nach und nach zum größten Geschäftszweig, verdrängte die Lastwagenproduktion und überholte die Lokomotivenproduktion, die bis dato an zweiter Stelle rangierte.

1943 waren fast 60 Prozent der Belegschaft ausländische ZwangsarbeiterInnen

Durch die Rüstungsproduktion konnte Henschel in einem vorher und nachher nicht gekannten Ausmaß expandieren. Die Ausdehnung und Aufrechterhaltung der Produktion war nur durch den massiven Einsatz von ausländischen ZwangsarbeiterInnen und Kriegsgefangenen möglich, die aus ihren Heimatländern verschleppt und in Kassel zur Arbeit in der Rüstungsproduktion gezwungen wurden. Im Jahre 1943 waren fast 60 Prozent der Belegschaft ausländische Arbeitskräfte. Die mangelnde Versorgung mit Lebensmitteln und Kleidung, die Unterbringung in
Lagern mit katastrophalen hygienischen Verhältnissen und die enormen Arbeitsbelastungen führten dazu, daß viele von ihnen die Zwangsarbeit in Kassel nicht überlebten oder schwere gesundheitliche Schäden davontrugen. Durch die Expansion der Produktion in den Kriegsjahren schnellte der Umsatz von 118 Mio RM im Jahre 1939 auf 304 Mio RM im Jahre 1943 hoch. Das war eine Steigerung um 158 Prozent innerhalb von vier Jahren.

Nach dem Krieg baute Henschel wieder Lokomotiven und Lastwagen und hatte Anfang der 50er Jahre seine Vorkriegskapazität wieder erreicht. Mitte der 50er Jahre versuchte Henschel wieder in die Panzerproduktion einzusteigen, um so die wirtschafliche Krise, in der sich das Unternehmen nach dem Krieg befand abzuwenden. Der Vortag wird die Entwicklung des Unternehmens bis in die 90er Jahre darstellen und stellt den ersten Teil der über die Bedeutung, Geschichte und Gegenwart der Rüstungsindustrie in Kassel und Nordhessen dar. Im Februar/März wird eine weitere Veranstaltung für den Zeitraum 1990 bis 2010 folgen.

Referent: Thomas Vollmer lehrt an der Universität Hamburg am Institut für Berufs- und Wirschtaftspädagogik. Er promovierte und lehrte an der Gesamthochschule Kassel. Es sind mehrere Arbeiten zum Thema Rüstungsindustrie in Kassel von  ihm erschienen.

Der Vortrag findet statt: am 18.01.2010, um 18:00, KUK-Raum

Literaturtips:

  • Stadt Kassel (Hrsg.):
    Kassel Lexikon. Band 1 + 2. Kassel: eurogio 2009 (Stichworte von Vollmer, Thomas: Henschel & Sohn; Bode, August; Krauss-Maffei Wegmann; Thyssen Henschel; Transrapid; Wegmann & Co. Weitere Stichworte von anderen Autoren u. a. zur Familie Henschel)
  • Vollmer, Thomas; Kulla, Ralf:
    Panzer aus Kassel. Die Rüstungsproduktionen der Firmen Henschel und Wegmann. Kassel: Prolog 1994
  • Vollmer, Thomas:
    Vorschläge zur Umstellung ausgewählter wehrtechnischer Produktionen in Metallbetrieben Kassels. In: FPN Arbeitsforschung + Raumentwicklung (Hrsg.): Metallindustrie in Kassel und ihre Perspektiven im Rahmen der Regionalen Gesamtentwicklung, Bd. 4. Umstellung der In­dustrieproduktion auf neue Erzeugnisse – Beispiele für Kasseler Betriebe. Kassel: Jenior & Pressler 1990, S. 46-95
  • Vollmer, Thomas:
    Atomfreies Kassel: Rüstungszentrum mit Tradition. In: Rudolph, Wolfgang; Simmen, Werner: Kassel zu Fuß. 17 Stadtteilstreifzüge durch Geschichte und Gegenwart. Hamburg: VSA 1988, S. 176 f.

Veranstaltungsplakat

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