Gedanken zur Diskussion

Folgende Gedanken möchten wir noch ins Plenum tragen und zur Diskussion stellen, weil wir am Abend nicht anwesend sein können.

Solidarische Grüße
von frei assozierten Mitgliedern der KUK

Der Bildungsstreik an der Uni Kassel ist nun seit etwa zwei Tagen im Gange. Die Vielfalt der TeilnehmerInnen hat sich im Vergleich zu den Protesten im vergangenen Sommer merklich erweitert. Auch wenn es in der Studierendenschaft immer noch viele skeptische Stimmen und auch klare GegnerInnen gibt, interessieren sich grundsätzlich viel mehr Studierende für die Problematiken in unserem Bildungssystem. Es ist sehr erfreulich, dass wir nochmal in die Situation gekommen sind, die Studierenden auf diese Art zusammenzubringen, aber es ist nicht selbstverständlich. Viele Studierende hier, in Deutschland und darüber hinaus haben dafür gekämpft, die Öffentlichkeit für unser Thema wach zu rütteln. Viele werden gemerkt haben, dass das ganz schön Kraft kosten kann und das sollte uns den Wert schätzen lassen, den diese Bewegung für jetzt und wohl auch für die Zukunft haben wird.

Und genau dieser Zustand ist wohl nicht ohne noch größere Anstrengungen zu wiederholen. Wir sollten ihn also pflegen und uns über die Chancen einer breiten, standortübergreifenden Bewegung bewusst werden, damit wir unsere Energien auch in die Inhalte bringen können. Was ist damit gemeint? Das Plenum hat am gestrigen Abend ausführlich über die ersten Forderungsentwürfe debattiert und dabei immer wieder festgestellt, dass wir auch Grundsätzliches diskutieren müssen, wenn uns die Worte nicht im Mund umgedreht werden sollen. Am heutigen Tage wurden wir immer wieder mit den Forderungen konfrontiert und so auch in die Enge getrieben. Teilweise tappten wir in die Rechtfertigungsfalle, weil wir bisher kaum Gelegenheiten hatten, all die Verständnisprobleme und Zusammenhänge für uns als Studierende zu klären und zu verstehen.

Nach der Demo am heutigen Nachmittag sah das Protestplenum sich plötzlich dazu gezwungen, das Antwortschreiben des Präsidiums abzuarbeiten. Die Verunsicherung über die Forderungen war sofort zu spüren, denn ein sich andeutender Widerspruch, trat plötzlich zu Tage. Es wurde eine Differenzierung der Forderungen nötig, die berücksichtigt, was wir tatsächlich vom Präsidium verlangen können – weil es in seinen tatsächlichen Handlungsspielraum fällt – und was viel weiter greift und eine breite politische Öffentlichkeit herausfordert umzudenken, damit sich etwas ändert. Die Forderungen ans Präsidium sollen damit nicht als nichtig hingestellt werden, aber sie sollen die grundsätzliche Debatte eben nicht überlagern. Denn genau das tun im Moment schon die meisten Medien, in dem sie nur griffige Schlagzeilen verkünden. Ebenso die „führende“ Politik, diese nimmt einfach verwertbare Forderungen auf, um ihre Handlungsfähigkeit zu unterstreichen und schnelle öffentlichkeitswirksame Maßnahmen einzuleiten, im Zweifel Verantwortung konzeptlos einfach von sich zu weisen. Wir tun uns wohl keinen Gefallen, diese Kurzschlusspolitik als Ziel unserer Anstrengungen zu begreifen. Wir dürfen uns in unserer eigenen Diskussion nicht unter Druck setzen lassen, weil andere den Bildungsstreik schnell über die Bühne bringen wollen. Auf Grund täglicher Wasserstandsmeldungen kaufen wir Gefahr unsere Diskussionen durch eine euphorische, aber kurzsichtige Massenhysterie gegen die Wand zu fahren bzw. von denen fahren zu lassen.

In der „Realpolitik“ ist häufig zu beobachten, dass öffentlicher Unmut ad hoc aufgenommen wird, um in politischen Entscheidungen zu münden, die die Probleme lediglich verschieben. Lasst uns diese Handlungsweise nicht übernehmen, sondern die Wurzeln behandeln.

Es ist wahrzunehmen, dass wir uns als Studierende die Zeit nehmen müssen, zu begreifen, wovon wir sprechen und welche Konsequenzen wir daraus in der Formulierung der Forderungen ziehen müssen. Dann kann unsere Bewegung auch eine Diskussion anregen, der sich Verantwortungsträger nicht durch Lippenbekenntnisse oder kurzatmige Zugeständnisse entziehen können.

Pressemitteilungen, die uns letztlich unter Druck setzen, weil sie sich bloß in den allgemeinen Tenor einreihen, ohne die Ursachen zu ergründen, helfen uns nicht. Lasst uns die Zeit fordern, die wir für unsere gemeinsame (Bewußtseins)Bildung benötigen. Denn das ist der erste notwendige Schritt, den wir gehen müssen. Nur dann werden wir auch auf Augenhöhe diskutieren und nachhaltig etwas bewirken können!